Wer selbst ein Kind daheim hat, das in gefühlten 0,0 Sekunden von einem Extrem ins andere verfällt, sich leider eher selten unauffällig verhält und einen regelmäßig an den Rand eines Nervenzusammenbruchs bringt, der fragt sich über kurz oder lang doch mal, ob das eigentlich normal ist. Jaja, was “normal” ist, liegt ja immer im Auge des Betrachters und bei Kindern gibt es keine Norm, aber alle Eltern, die sich angesprochen fühle, wissen ziemlich genau, was ich meine. Nora Imlau, die Autorin von “So viel Freude, so viel Wut. Gefühlsstarke Kinder verstehen und begleiten” kennt diese Fragen auf alle Fälle sehr gut. Und lehrt uns erst einmal, dass wir nie in Kategorien denken dürfen, es keine Norm gibt und wir die negativen Adjektive, die uns manchmal im Bezug auf den Nachwuchs einfallen, durch positive ersetzen sollen. 

 

Zum Beispiel “mutig” statt “ungestüm”, “meinungsstark” statt “stur” oder auch “durchsetzungsfähig” statt “rebellisch”. Ja, das sollte ich mir durchaus zu Herzen nehmen, wenn ich meine kleine “Drama Queen” (so soll ich sie natürlich auch nicht nennen 😉 ) mal wieder als sehr fordernd und anstrengend bezeichne. 
Imlau gibt uns Abgrenzungen zu anderen Begrifflichkeiten wie “hochsensibel” und “high need” und zeigt uns, wo gefühlsstarke Kinder einzuordnen sind und, anhand welcher Eigenschaften man sie erkennt. Da sehe ich durchaus Parallelen zu uns, aber so ganz sicher bin ich  mir nicht. Sie erklärt uns, warum diese Kinder handeln, wie sie handeln und, wie wir ihnen helfen können, sich in ihrer Umwelt sicher zu fühlen. Wir erhalten wissenschaftliche Erklärungen dafür, wieso manche Kinder sich so entwickeln und andere nicht, zugleich aber auch den absolut wichtigen Hinweis, dass es weder ein Fehler am Kind noch in der Erziehung der Eltern ist, sondern schlicht eine Eigenschaft. 
Anhand berühmter Persönlichkeiten, die ebenfalls gefühlsstark waren, lernen wir, wo die Stärken dieser Kinder liegen und, wie wir sie fördern können. Und natürlich geht es auch immer wieder um die Rolle der Eltern. Wo stehen diese selbst? Sind sie am Ende ebenfalls gefühlsstark oder doch regulationsstark? Sind wir uns unserer Rolle sicher oder sind wir noch auf der Suche und können wie Authentizität vermitteln? Alles wichtige Fragen, die sich im Verhalten des Kindes widerspiegeln. 

Bei vielen Punkten geht es um größere Kinder, mit denen man glaube ich die Punkte etwas besser klären kann als mit einer 32-monatigen, bei der ich mir einfach nicht sicher bin, was schlicht Phasen, Entwicklungsschübe oder eventuell doch besondere Emotionen sind. Zumal sie eben noch nicht so richtig Emotionen zuordnen oder erkennen kann. 
Ein zentrales Kapitel im Buch widmet sich dem Umgang mit Reizüberflutungen, also dem, was gefühlsstarke Kinder stresst. Was können die Ursachen sein und wie kann ich mein Kind in Extremsituationen, in denen es in einem Tunnel ist, noch erreichen? 
Und für alle, die sich nach der Lektüre sicher sind, dass sie selbst so ein Kind daheim haben, gibt es dann noch mit den letzten kapiteln praktische Tipps für den Alltag. Als da wären: umfangreiche Vorschläge zum Thema “Schlafen gehen”, “Essen”, “Kleidung”, “Umgang mit Medien” usw. Spannend finde ich die sechs Tipps zur richtigen Kommunikation und erkenne bei uns etliche Fehler – da kann ich auf alle Fälle nachbessern. 

Auch die Fremdbetreuung bei einer Tagesmutter oder in der Kita wird umfangreich beleuchtet, Tipps werden gegeben und mögliche Fallstricke aufgezeigt, damit man diese umgehen kann. 
Und natürlich geht es dann noch darum, wie man einen möglichst entspannten Familienalltag mit gefühlsstarkem Kind gestaltet, bei dem keiner zu kurz und doch jeder auf seine Kosten kommt. So viel Freiheit wie möglich, so viel Grenzen wie nötig. Definitiv ein lesenswertes Buch mit vielen Beispielen aus der Praxis und zahlreichen guten Tipps, die allen Eltern welche das Gefühl haben, hilflos von den Emotionen ihrer Kinder davon gerissen zu werden, helfen können, wieder festen Boden unter den Füßen zu spüren. 

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